Bund der Antifaschisten Köpenick

Günter Anders

Ich wuchs in einer antifaschistischen Familie auf und habe meine Kindheit (geboren im Januar 1932) und Jugend in Chemnitz verbracht. Zu Hause gab es keine Erziehung im faschistischen Sinne. Auch wenn die Eltern nicht offen über ihre Gesinnung sprechen konnten, ihre Distanz war zu spüren. Die Einflüsse durch Schule, „Jungvolk“ und allgemeine Propaganda zeigten bei mir deutliche Wirkung. Die Kriegsereignisse habe ich aufmerksam verfolgt und die deutschen Siege begeisterten mich. Es gab jedoch auch wiederholt Ereignisse, Beobachtungen und Hinweise (oft nur Andeutungen) die im Widerspruch zur offiziellen Propaganda standen und Fragen – ohne Antworten – aufwarfen. Solche „Ereignisse und Beobachtungen“ – sie können hier nur stichwortartig genannt werden – betrafen z.B. das brutale Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten (das Niederbrennen von Dörfern beim Rückzug wurde ja sogar in der Wochenschau gezeigt); die schlechte Behandlung von kriegsgefangenen Sowjetsoldaten und Zwangsarbeitern; der plötzliche Tod von bekannten geistig behinderten Kindern kurz nach deren Einweisung in ein Heim; die immer geringer werdende Zahl der jüdischen Bürger (wo waren sie geblieben?); anhaltende Diskriminierung und Schikanierung von Jungs im Jungvolk, im Gegensatz zur vielgepriesenen Kameradschaft und vieles andere mehr. Analoge Beobachtungen hätte aber jeder Deutsche machen könnnen, ja müssen. Die verbreitete Aussage – ich habe nichts gewußt – war und ist nur eine feige Ausrede.

Als ab 1944 meine Mutter großen Mut entwickelte und uns Kinder wiederholt London, dann auch den „Soldatensender West“ mithören ließ, fiel mir manches wie Schuppen von den Augen. Immer hieß es dabei „Klappe halten“! Was da gesagt wurde, war ganz anders, als das übliche. Und doch schien es wahr zu sein. Ich kam zunehmend in Zwiespalt zwischen den offiziellen Aussagen und den Realitäten. Der Nazigeist verlor immer mehr an Einfluß. Wir erlebten die Luftangriffe auf Chemnitz und spürten, daß die Bevölkerung immer kriegsmüder wurde. Mitte April 1945 rückten amerikanische Truppen an die Stadt heran und blieben dort stehen. Obwohl die Versorgung total zuammengebrochen war, setzten die Nazis noch vorhandene Lebensmittellager in Brand. Ein Teil konnte durch beherzte Bürger gerettet werden und die Bevölkerung holte es sich.

An einem strahlend schönen Morgen wurde ich von meiner Mutter mit dem Ruf geweckt: „Der Krieg ist aus!“ Mit Gleichaltrigen ging ich in die Stadt. Amerikanische Fahrzeuge fuhren hinein und es hieß, auf dem Markt seien die Russen. Tatsächlich waren dort Lkw und Pferdefuhrwerke mit aufgesessenen Rotarmisten sowie einige Amerikaner und Zivilisten. Es ging ganz friedlich zu. Auf dem Rückweg stand vor dem Polizeipräsidium ein amerikanischer Jeep, in dem nur der Fahrer saß. Bürger wollten von ihm wissen, wer besetzt die Stadt. Mit einiger Mühe konnten wir mir Schulenglisch aushelfen. Aus der Antwort ging hervor, die Stadt wird von den Russen besetzt. Große Aufregung; die Leute wollten nicht zu den Russen.

Mit 13 Jahren war mir die Tragweite dessen, was geschehen war, nicht klar. Aber dem Nazisystem habe ich schon nicht mehr nachgetrauert. Ich war froh, daß der Krieg aus und der Spuk vorbei waren. Es mußte etwas ganz anderes, neues geschaffen werden. Zu Hause fand ich erste Antworten. Beginnend mit der Trümmerbeseitigung ab 1945, dann beruflicher und gesellschaftlicher Arbeit war ich bestrebt, meinen Anteil am Neuaufbau zuleisten.

Immer mehr wurden die gewaltigen Verbrechen bekannt, die von den Nazis im Namen des deutschen Volkes begangen worden waren. Wie wollten wir den anderen Völkern in die Augen sehen können? Dieser Gedanke bewegte mich stark, als ich in den 60iger Jahren meine erste Auslandsdienstreise antrat und zwar nach Warschau, als dieses nach zu großen Teilen in Trümmern lag. Aber ich wurde sehr freundlich aufgenommen und hatte über viele Jahre enge Kontakte zu polnischen Berufskollegen.

Auch wenn der Begriff vom Tag der Befreiung erst allmählich Gestalt annahm, ihm konnte, ja mußte ich voll zustimmen und das heute um so mehr!