Bund der Antifaschisten Köpenick

Eberhard Rehling

Am 8. Mai 1945 war ich knapp 11 Jahre alt. Die ersten Kinderjahre verliefen recht sorglos. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 wurde das Leben anders. Mein Vater wurde wenige Wochen nach Kriegsbeginn für die Organisation Todt zum Weiterbau des Volkswagenwerkes nach Fallersleben, dem heutigen Wolfsburg, dienstverpflichtet. Auch auf viele Familien der Nachbarschaft kamen Sorgen und Probleme zu, mit denen sie vorher nicht gerechnet hatten. Neben der Angst um die Männer und Väter mußten sie mit den nur noch auf Lebensmittelkarten erhältlichen Versorgungsgütern auskommen. Hinzu kamen auch nächtliche Luftschutzalarme, zunächst nur als Übungen. Bald erfolgten tatsächliche Luftangriffe auf die „Reichshauptstadt“. Die ersten Bomben fielen in Charlottenburg. Viele Menschen fuhren dorthin, um die Trümmer zu besichtigen. Bald trafen auch die ersten Todesnachrichten von der Front ein.

Im Sommer 1943 nahmen die Bombenangriffe auf Berlin drastisch zu. Während der Schulferien wurden Mütter aufgefordert, mit ihren Kindern die Stadt zu verlassen. Meine Mutter befand sich zu jenem Zeitpunkt mit meiner Schwester und mir in den Ferien bei ihren Eltern auf deren Bauernhof in Schlesien. Mein Vater war bereits seit 1942 mit einem von ihm geführten Bauzug der Organisation Todt im Fronteinsatz in der damaligen Sowjetunion. Unsere Wohnung war während der Ferien stark beschädigt worden. Meine Mutter entschloß sich, mit uns Kindern nicht mehr nach Hause zurückzukehren. Allein reiste sie mehrfach nach Berlin, um aus der dortigen Wohnung Bekleidung und Hausrat nach Schlesien zu holen.

Im Oktober oder November 1944 wurden wir Oberschüler an einem Sonntag zum Ausheben von Schützengräben östlich der Oder befohlen. Es war die Zeit, als die Frontlinien sowohl im Osten als auch im Westen den damaligen deutschen Grenzen immer näher kamen.

Nach den Weihnachtsferien war die Schule faktisch beendet. Im Januar 1945 hatte die Rote Armee ihre Weichsel-Oder-Offensive begonnen und die deutsche Ostfront auf breiter Linie durchbrochen. Die deutsche Wehrmacht hatte hohe Verluste und floh panisch nach Westen. Die Fluchtbewegungen führten auch durch das abseits der großen Straßen gelegene Dorf, in dem wir aus Berlin Zuflucht gefunden hatten.

Es gab offenbar viele Verluste an der Ostfront und der Bedarf an Lazarettplätzen war unerwartet groß. So wurde auch unsere Schule über Nacht geschlossen und als Reservelazarett eingerichtet.

Am 10. Februar 1945 erklärte eine SS-Einheit unser abgelegenes Dorf zum Kampfgebiet und wir mußten es innerhalb von wenigen Minuten verlassen. Meine Mutter und ich flohen mit dem Fahrrad neben dem Pferdefuhrwerk des Nachbarn, auf dem meine sechsjährige Schwester, meine Großmutter und der 76 Jahre alte kranke und bettlägerige Großvater gerade noch Platz gefunden hatten. Auf dem Wege in das Nachbardorf gerieten wir in das Schußfeld sowjetischer Panzer, die ihr Feuer auf einen Eisenbahnzug im Bahnhof des Nachbarortes richteten. Zu Schaden kam dabei von den flüchtenden Zivilpersonen niemand.

Unterwegs lagen wir unter dem eben erwähnten Panzerbeschuß, waren in der Nähe von Guben in einem Kessel, sahen das brennende Dresden, und überlebten bei Leipzig einen Luftangriff. Mitte März kamen wir dann in Geilsdorf, einem Ort in der Nähe von Plauen im Vogtland, an. Völlig erschöpft blieben wir dort in einem verlassenen Lager des weiblichen Arbeitsdienstes. Drei Familien mit 16 Personen kampierten in einem Barackenraum.

Auf abenteuerliche Weise gelangte mein Vater nach seiner Entlassung aus dem Lazarett zu uns. Er sollte sich in Berlin zur Verteidigung der Reichshauptstadt melden. Die infolge von Bombardierungen der Stadt Plauen eingetretene Unterbrechung des Schienenweges nutzte er zur Verzögerung seiner Weiterreise aus. Er beendete so unter dem hohen persönlichen Risiko der Fahnenflucht den Krieg bei seiner Familie.

Die Gegend um Plauen wurde Mitte April 1945 von amerikanischen Truppen besetzt. Die über mehrere Jahre ausgestandene Angst war endgültig dann mit dem 8. Mai beendet.

Viel später, als ich darüber nachzudenken begann, daß die Nazidiktatur möglicherweise aus mir eines ihrer Werkzeuge gemacht hätte, habe ich diesen Tag dann tatsächlich als die Befreiung vom Faschismus begriffen.