Bund der Antifaschisten Köpenick

Anneliese Bauerhorst

Das hat mich dazu angeregt, nach vielen Jahren in meine Tagebuch-Aufzeichnungen aus dieser Zeit zu schauen, als aus dem Schulmädchen gewissermaßen „über Nacht“ ein erwachsen-werdender Mensch wurde.

Ich werde sie nie vergessen, meine letzte Fahrt im faschistischen Deutschland von einem Arbeitsdienstlager bei Lodz über Frankfurt/Oder ohne Halt in Berlin zum Arbeitsdienstlager in Dreet in der Mark – die Jungen, die an meiner Seite fielen, weil sie auf die in Richtung Berlin anrückenden Sowjetsoldaten schießen mußten und die Wenigen, die wie ich um ihr Leben liefen, nicht beschossen wurden.

Solange ich denken konnte wollte ich Lehrer werden. Nach München verschlagen erlebte ich nichts von Befreiung. Dort blieb alles beim Alten. Der Schulrat hielt nichts von den Preußen und schon gar nichts von meinem Lehrerwunsch. Die Signale stellten sich für mich auf Heimkehr in das befreite Land jenseits der Elbe – heim nach dem Berliner Osten.

Und dann gings Schlag auf Schlag. Wo ich zögerte wurde Mut verlangt, Entscheidung gefordert, beraten und geholfen. Ob beim Wegräumen von Trümmern, im Neulehrerkurs oder im Hochschulseminar erlebte ich diese große Zeit des Aufbruchs, der Befreiung von faschistischen Denkschemata, die erste Berührung mit Gedanken von Marx und Engels und eine bisher nie erlebte Solidarität.

Und ich erlebte auch, die sich aus Trümmern aufrichtende Humboldtuniversität mit den übernommenen Professoren und einer neuen Pädagogischen Fakultät mit völlig anderen Studenten als den bisher üblichen. Und sie haben uns geholfen diese Professoren aus einer anderen Zeit.

Dieses Grunderlebnis des 8. Mai 1945 hat mich mein weiteres Leben lang – ich bin jetzt fast 79 Jahre alt – begleitet. Ganz sicher bin ich, daß vielen Menschen meiner Generation der Tag der Befreiung vom Faschismus heute und weiterhin der Kraftquell unseres Lebens ist.