Werner Seelenbinder – einer von uns

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Werner Seelenbinder – einer von uns

110 Jahre wäre er in diesem Sommer alt geworden, im 40. Lebensjahr fiel der kraftvolle, erfolgreiche Ringer, Kommunist und Antifaschist dem Nazi-Terror zum Opfer.

Seinen Namen erhielt eine Straße in Berlin-Köpenick, ein Sportstadion in Neukölln, eine Schule, die große Sporthalle in Friedrichshain, ein Jugendklub in Lichtenberg und sicher noch andere Einrichtungen.

Die Straße hat noch ihren Namen. Dort hat die NPD-Bundeszentrale seit vier Jahren ihren Sitz, den sie durch ein Schulungszentrum noch erweitert hat. Eine Gedenktafel am Amtsgericht in dieser Straße war verschwunden. Junge Lwute brachten eine Ersatztafel an, die nicht lange hielt. Die Leitwerin des Amtsgerichts wat gegen eine neue Tafel, weil es keinen direkten Bezug zu Werner Seelenbinder an diesem Gebäude gibt.Durch das Bezirksamt wurde auf dem Hof ein Gedenkstein errichtet. An den Straßenschildern sind kleine Täfelchen:

Werner Seelenbinder

Sportler, Opfer des NS-Regimes

geb. 1904 gest. 1944

Das Sportstadion in Neukölln hatte diesen Namen 1945 als ehemalige Heimstätte seines früheren Vereins SC Berolina 03 erhalten und 1949 im beginnenden „Kalten Krieg“ wieder verloren. Nach über 50 Jahren hat es ihn wieder. Die Schule trägt ihn nach kurzer Pause seit 1992 wieder. Die Seelenbinderhalle wurde abgerissen und durch das „Velodrom im Europasportpark“ ersetzt. Trotz BVV-Beschluss und Postkartenaktion Tausender für die Beibehaltung des Namens gibt es nur eine Seelenbinder-Tafel an einer wenig genutzten Halle.

Was war dieser Sportler für ein Mensch? Kann er heute noch Vorbild sein?

Bei einer Gedenkverabstaltung bedauerte Peter Hanisch, Präsident des Landessportbundes, das Verblassen des Andenkens an den Arbeiterjungen aus Neukölln. Es sei der DDR überlassen worden. Das habe sich aber inzwischen geändert, und dem Kommunisten, der aktiven Widerstand gegen das Naziregime geleistet hat, komme ehrendes Gedenken zu.

Besonders beeindruckende persönliche Erinnerungen hat Otto Rochler: Sein Vater Erich war über Jahre Sport-und Kampfgefährte, persönlicher Freund von Werner Seelenbinder und wurde wie er 1942 verhaftet. Er konnte überleben, weil Werner schwieg. „Das rettete meinem Vater das Leben“, erinnert sich der betagte Sportler.

Alle, die Werner noch kannten oder sich an Erzählungen erinnern, schätzen besonders seine Charaktereigenschaften: Große sportliche Erfolge und trotzdem bescheiden und hilfsbereit bis zur Uneigennützigkeit, eisernes sportliches Training, Disziplin und dabei immer bereit zu solidarischen Aktionen und illegalen Aufträgen, kameradschaftlich und beliebt – so wie es im Arbeiterlied heißt:

„Ein Sohn des Volkes will ich sein und bleiben…“.

Werner Seelenbinder wuchs mit zwei Schwestern und einem Bruder in der Glatzer Straße in Lichtenberg auf. Die Mutter war 1915 verstorben, der Vater, Maurer und Putzerpolier, musste den ersten Weltkrieg durchmachen, Großmutter führte den Haushalt.

Mit dreizehn Jahren konnte man den dunkelhaarigen, stämmigen Jungen schon für 17 halten. Er spielte seine Kräfte nie aus, um überlegen zu sein, hatte aber einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und half immer den Schwachen.

Noch vor Abschluss der achtjährigen Schulzeit kam Werner durch Nachbarjungen zum Ringen. Hier musste er lernen, dass mit Kraft allein kein Sieg zu erringen ist und trainierte nach der ersten Niederlage umso intensiver.

Walter Radetz schreibt z.B. wie er die im Ringen wichtige „Brücke“ zäh und ausdauernd auf einem Matratzenteil in der Stube übte:

„ Zu Anfang ließ sich Werner noch rückwärts auf die Matratze fallen und fing sich mit den Händen ab. Erst dann ließ er sich auf die Stirn gleiten. Doch bald legte er die Hände an die Oberschenkel, neigte die Knie nach vorn und krümmte den Körper nach hinten, den Kopf fast bis auf die Schulterblätter zurückgeneigt. Dann ließ er sich langsam fallen. Auch wenn die Matratze nicht gerade hart war, der Aufprall stauchte Kopf und Nacken zusammen, Ringer, die diese Übung jahrelang ausführen, bekommen einen starken, dicken Hals und kräftige Nackenmuskeln.“

Nach zwei Jahren errang er die ersten Siege.

Sein erstes Geld verdiente er sich als Page in einer verkappten Spielhölle, später als Hausdiener in einer Bilderrahmenfabrik und als Hilfstischler in einer Nähmaschinenfabrik.

Er trainierte im Sportclub Berolina Neukölln, der sich später dem Arbeiterathletenbund anschloss.

1925 erkämpfte er bei der ersten Arbeiterolympiade in Frankfurt /Main Gold.

1926 beim Arbeiter-Turn-und-Sportfest in Wien war er mit 6 Siegen erfolgreichster Teilnehmer. In Finnland wurde er Turniersieger.

Als er wieder an seine Hobelbank kam, waren seine Kollegen begeistert. Sie fürchteten aber auch, dass aus ihm ein Berufsringer mit viel Geld werden könne, der mit ihnen nichts mehr zu tun haben will. Darauf Werner: „Brauchst keine Angst um mich zu haben! Ich werde immer bleiben, wie ich bin!“

1927 und 1928 nahm Werner an Wettkämpfen in der Sowjetunion teil und war auch hier siegreich, z.B. mit dem Titel Spartakiademeister im Halbschwergewicht. Große Sympathien erwarb er sich durch seinen Wissensdurst über den ersten sozialistischen Versuch und seine stets freundschaftliche, kameradschaftliche Haltung gegenüber den Gastgebern. Seinen Spezialgriff, den verkehrten Hüftschwung nannte man dort nun „den Seelenbinder“.

Diese Reisen in die Sowjetunion., die politische Entwicklung in Deutschland und persönliche Bekanntschaft mit Erich Rochler und anderen veranlassten Werner 1928 zum Eintritt in die KPD.

Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, war Werner ein bekannter Sportler. Auch an Aktionen gegen die SA hatte er sich beteiligt und war zu weiteren bereit. Aber seine Genossen meinten, er sei im Sport nützlicher als bei illegalen Kämpfen, die ihn in die Hände der Gestapo führen könnten.

Sein Auftrag lautete, in einem neuen bürgerlichen Verein – Sportvereinigung Ost 1919 – sein Talent zu entwickeln, möglichst bis hin zur Teilnahme an der Olympiade.

1933 wurde er erstmals Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Tosender Beifall begleitete seinen Aufstieg. Als aber die Kapelle mit dem Deutschlandlied einsetzte, erschrak er.

„Die Zuschauer sangen und streckten die Arme zum Hitlergruß aus. Seit Hitlers Machtübernahme wurde das Deutschlandlied mit erhobener Hand gesungen. Bisher hatte Werner weder das Lied gesungen noch den Arm gehoben. Jetzt sah er die Katastrophe auf sich zukommen. Alles konnte man von ihm verlangen, still zu sein, sich unscheinbar zu geben, sogar hier unter dem Hakenkreuz zu ringen, aber nicht das. Nicht den Arm heben! Verzweifelt spähte Werner nach Genossen im Saal, doch ein Wald ausgestreckter Arme nahm ihm die Sicht. Er sah nur noch Hände, keine Köpfe. Ich soll ringen, dachte er, in die Olympiamannschaft kommen, haben Erich und Andreas gesagt. Sie haben nicht gesagt, dass ich Männchen machen muss und die Hand ausstrecken. Wenn ich das mache, denken die Genossen unten, ich bin ein Nazi geworden!“ So geschildert von Walter Radetz. Beifall brauste und die Kapelle endete, eine Frau brachte Werner rote Rosen. Er verteilte sie an den zweiten und dritten Sieger.

Am nächsten Tag geiferte die Nazi-Presse, seine Vereinsmitglieder lobten seinen Mut – aber seine Genossen sahen darin einen Disziplinverstoß. Und tatsächlich folgten bald seine erste Verhaftung und der Aufenthalt im Columbiahaus. Da die Nazis aber einen Deutschen Meister nicht auf`s Spiel setzen wollten und die Anzeige auf Lügen beruhte, war er nach zehn Tagen wieder frei. Allerdings wurde er von der Reichssportführung gesperrt und aus der Sportvereinigung ausgeschlossen. Auch diese Weisungen mussten aufgehoben werden, Werner konnte 1935 erneut Deutscher Meister werden und kam in die Olympiaauswahl. Bei Wettkämpfen in Schweden transportierte er im doppelten Boden seiner Reisetasche illegales Material.

Es folgten Kurierdienste innerhalb der deutschen Mannschaft nach Dänemark, Lettland.

Neben Flugblättern und Nachrichtentransport sammelte er auch für die „Rote Hilfe“, um die Familien Verhafteter zu unterstützen und beschaffte Quartiere und Verpflegung für Verfolgte.

Endlich hatte er auch Arbeit gefunden als Transportarbeiter in der AEG Treptow.

Schließlich näherte sich die Olympiade1936 in Berlin. Werner erhielt den bisher schwierigsten Auftrag. Er hatte Chansen zur Goldmedaille. Es war vorgesehen, dass er beim Interview zur Siegerehrung die wahren Ziele der Nazis darlegt:

Kriegsvorbereitung und Weltherrschaft, Europa als Massengrab.

Alles war exakt vorbereitet, Werners Form glänzend – da erfuhr er, dass die Gestapo über neunzig Sportler verhaftet hatte, auch die Rundfunkleute für die Mikrophonaktion.

Die Sorge um die Genossen zermürbte ihn, er wusste nicht, wie der Kampf weiter gehen sollte und sah nur noch einen Sieg für Hitler-Deutschland, den er nicht wollte. Er rang unkonzentriert und der Gedanke kam in ihm auf „Nach der Olympiade, wenn der ganze Rummel vorbei ist, dann werden sie mich holen, bei Nacht, damit es keinem auffällt. Aber jetzt bin ich ihnen gut genug, eine Medaille zu holen.“ Die Nerven versagten. Im Saal waren keine Arbeitersportler, sie boykottierten die Olympiade. Einer der Nazi-Zuschauer rief: „Der rote Hund will bloß nicht!“ Werner unterlag. Weinend saß er in seiner Kabine. Karl Binder, der als Zeitnehmer beteiligt war, machte ihm Mut, beide überlegten, wie trotz der Verhaftungen der Widerstand weiter gehen kann. Und schon am anderen Tag lagen in über dreitausend Tagesprogrammen Flugblätter, die ein schwedischer Masseur mitgebracht hatte:

„Hitlers Olympiade als Kulisse der Kriegsvorbereitung“.

Werner gewann seine alte Spannkraft wieder, errang aber nur Platz 4.

Er erkannte, dass je größer seine sportliche Leistung war, umso nützlicher konnte er der illegalen Arbeit sein. Er fuhr zu Wettkämpfen in Prag, in Finnland und in Paris zu den Europameisterschaften. Werner spürte aber auch die Zurückhaltung der Zuschauer gegenüber den Sportlern aus Nazi-Deutschland. In Finnland half er durch Sammlung einem Sportkameraden, der schwerkrank gerade aus dem Gefängnis gekommen war.

1938 bekam Werner Kontakt zur Gruppe um Robert Uhrig. Hier traf er seinen Schulfreund Alfred Kowalke und beschaffte ihm Quartier und Verpflegung. Auch zur Jugendgruppe um Herbert Baum knüpfte er Verbindung.

1940 wurde Werner Seelenbinder zum fünften Mal Deutscher Meister. Zugleich wurde er in einen Marienfelder Rüstungsbetrieb dienstverpflichtet als Transportarbeiter. Die sehr schwere Arbeit teilte er mit polnischen Zwangsarbeitern. Er half ihnen, wo er konnte mit Nahrung, Arbeitserleichterung aber auch mit Nachrichten zum Kriegsverlauf und versuchte ihnen zu erklären, dass er ein „anderer Deutscher“ ist.

Mehr als fünf Jahre arbeitete er mit Charlotte Eisenblätter zusammen. Als Chefsekretärin in einem großen Betrieb konnte sie helfen, Flugblätter herzustellen, Adressen zu schreiben und einen Abziehapparat zu bedienen. Zwischen beiden entwickelte sich eine tiefe Liebe. Beide wussten aber auch, dass irgendwann eines dem anderen im Weg sein würde, die Liebe oder die illegale Arbeit. Werners Gedanken stellt Walter Radetz dar:

„Und darum ist es bei uns schlimmer, Lotte. Wenn wir immer zusammen sind, dann gibt es keine Trennung zwischen unseren beiden Leben. Wir beginnen, Rücksicht aufeinander zu nehmen. Wir werden noch vorsichtiger werden und vielleicht sogar feige, und die Feigheit nennen wir dann auch noch Vorsicht. Wir werden versuchen, unsere Zeit nur für uns zu gebrauchen. Und jeden Tag werden wir um uns bangen…“

Sylvester 1941/42 verlebten sie mit Freunden, tanzten und waren sich sehr nahe, ohne dass ihre Liebe erkannt wurde.

Am 4. Februar 1942 fiel Werner bei einer großen Verhaftungswelle der Gestapo in die Hände. Sein Schweigen rettete mehreren Illegalen das Leben. Im Polizeigefängnis Alexanderplatz wurde Werner geschlagen und misshandelt. Er kam in die Lehrter Straße, dann in das Arbeitslager Wuhlheide und später in das Strafgefangenenlager Großbeeren.

Hier traf er mit Peter Edel, dem Maler und Schriftsteller zusammen, der seine Fürsorge und Kameradschaft beschrieb und Werner auch zeichnete. Werner wusste schon, dass sein Ende bevorstand und gab Peter Edel auf den Weg nach Auschwitz:

, dann sag alles, die ganze Wahrheit, damit das nie wiederkehrt, sage es vor allem den jungen Menschen…“.

Willi und besonders Friedel Schirm, die sich als Werners Wirtschaftrein ausgab, konnten ihm in dieser Zeit zur Seite stehen. Sie konnte ihn sprechen, abgesparte Lebensmittel, Wäsche und auch geheime Nachrichten bringen. Später berichtete sie darüber in dem Buch:

„33 Monate . Erinnerungen der Berliner Arbeiterveteranin Friedel Schirm an Werner Seelenbinder“.

Im September 1944 fand der Prozess gegen Werner und zwölf andere statt. Alle wurden zum Tode verurteilt. Der Staatsanwalt schrie auf Werner gerichtet in den Saal: „ Sehen Sie sich diesen Kopf an, dieses Verbrechergesicht. Das ist der Staatsfeind Numero eins!“

Lotte Eisenblätter war schon am 25.August 1944 hingerichtet worden.

Werner wurde ins Zuchthaus Brandenburg gebracht.

Am 24.Oktober schrieb er den Abschiedsbrief:

„Lieber Vater, Geschwister, Schwägerin und Friedel!

Die Stunde des Abschieds ist nun für mich gekommen. Ich habe in der Zeit meiner Haft alles durchmachen müssen, was ein Mensch durchmachen kann. Krankheit, körperliche und seelische Qualen, nichts ist mir erspart geblieben. Ich hätte so gern gemeinsam mit Euch, mit meinen Freunden und Sportkameraden die Köstlichkeiten und Annehmlichkeiten, die das leben nach dem Kriege zu bieten hat und die ich jetzt doppelt zu schätzen weiß, erlebt. Es waren schöne Stunden, die ich mit Euch verbrachte. Das Schicksal hat es nun leider nach furchtbarer Leidenszeit anders über mich bestimmt. Ich weiß aber, dass ich in Eurem Herzen und dem vieler Sportkameraden einen Platz gefunden habe, den ich immer darin behaupten werde. Dieses Bewußtsein macht mich stolz und stark du wird mich in der letzten Stunde nicht schwächer finden.

Lieber Vater! Leider kann ich Dir diesen Schmerz nicht ersparen, nachdem ich Dir durch meine sportlichen Erfolge recht viel Freude gemacht habe. … Also lebt wohl! Ich weiß, Ihr werdet mich nicht vergessen. Grüßt alle Bekannten und Sportkameraden recht herzlich.

Lebt alle, alle wohl!

Vor seinem letzten Gang zog er sich hoch am Zellenfenster und rief den Häftlingen beim Rundgang zu:

„Genossen! Hier spricht Seelernbinder! Heute Mittag werden wir hingerichtet. Wir sind stark geblieben. Bleibt auch Ihr stark! Hitler geht unter. Grüßt die Genossen der Roten Armee!

Stefan Hermlin schreibt in „Die erste Reihe“:

„In unserem Gedächtnis bleibt er so, wie ihn ein Mitgefangener geschildert hat, vor seinem Tod aufrecht am Fenster seiner Zelle und den Freunden im Hof seinen nahen Tod ansagend, so aufrecht und lebensstark, wie er an den Tagen seiner bejubelten Siege im Ring gestanden hatte. Er verkörpert den Athleten der Zukunft, der manches vom Athleten der klassischern Vergangenheit besitzt, aber viel vor ihm voraus hat: Den Blick über die Welt hin, in eine Welt hinein, in der die Menschheit Geist und Körper übt, um die Natur immer machtvoller zu meistern. Seiner darf gedacht werden mit den Worten des Pindar für den Ringkämpfer       

Epharmostos:

Welcher Schrei

Erbrauste laut, als aus dem Ring er schritt!

In reifer Blüte stand er da und schön,

das Schönste aber war die Tat.“

Ja, Werner Seelenbinder ist einer von uns, ist Vorbild als Mensch, der durch Talent und Fleiß

Leistungen vollbrachte, die nur wenige schaffen. Aber er gehört zu den wenigen, die dabei bescheiden und kameradschaftlich bleiben.

Es gab eine Zeit, da wurde der kommunistische Widerstand überbetont, verherrlicht. In der heutigen Zeit wird er vielfach in die Ecke des „verordneten Antifaschismus“ geschoben.

Für das Gedenken an Werner Seelenbinder ist wohl auch ein Gedanke des ehemaligen Präsidenten des Abgeordnetenhauses Berlin, Walter Momper, anlässlich der Erinnerung an die Opfer der Köpenicker Blutwoche zutreffend:

„Wir verneigen uns vor ihnen und ihrem Leid. Wir verneigen uns auch vor den Opfern, deren politische Überzeugung wir nicht teilen. Sie mögen unterschiedliche Auffassungen vertreten haben, aber gemeinsam waren sie Gegner jenes Systems, das uns Deutschen das größte Unheil unserer Geschichte gebracht hat. Es entspricht ihrem antifaschistischen Vermächtnis, wenn auch wir über Parteigrenzen, über unterschiedliche Auffassungen hinweg zusammenstehen, wenn es darum geht, den Rechtsstaat und die Demokratie zu wahren und neues Unheil abzuwehren.“

Die Verpflichtung, die Werner Seelenbinder gegenüber Peter Edel den Nachkommen auftrug, die ganze Wahrheit über das Naziregime zu sagen, gilt auch heute noch, mehr denn je.

Quellen:

Neues Deutschland vom 2./ 3. August 2004, Peter Edel: „Wenn es ans Leben geht“ Verlag der Nation 1979

Walter Radetz: „Der Stärkere“ Sportverlag Berlin 1982,

„Werner Seelenbinder . Kommunist und Arbeitersportler“ DTSB der DDR 1984

 

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Ein „Stolperstein“ für den Chemiker Dr. phil. Georg Eppenstein

Ein Durchgang an der Salvador-Allende-Straße 43-45 war am Nachmittag des 21. Juni 2004 Treffpunkt für rund 50 Bewohner und interessierte Gäste.
Der erste „Stolperstein“ unseres Bezirks wurde eingeweiht. Ein BVV-Beschluss hatte zu dieser Form des Gedenkens angeregt. Weiterlesen

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„Die Faust“

Zum Denkmal auf
dem Platz des 23. April

1946 erhielt der Platz seinen Namen, der auf den Tag der Befreiung Köpenicks durch die Rote Armee hinweist. Darauf machte zuerst eine Holztafel, später ein Steinsockel aufmerksam. (neben dem Gebäude von BVG und Grünflächenamt)

1946 wurde ein Ehrenmal für die Opfer der Köpenicker Blutwoche errichtet. Es war nach 20 Jahren baufällig. Aus einem Wettbewerb für ein neues Denkmal wurde der Entwurf des Grünauer Bildhauers Walter Sutkowski ausgewählt, der zuerst nur aus der Stele bestand. Der achtzigjährige Walter Sutkowski fühlte sich dadurch sehr geehrt. Als er angeregt wurde, bei kaltem Wetter die Arbeit im Freien zu unterbrechen meinte er als gläubiger Christ: Weiterlesen

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Wie kommunistisch ist eine Faust?

aus der „Berliner Zeitung“ vom März 1998:

Ein Streit um Symbole entzweit den Bezirk. Es geht um ein Denkmal und im besonderen um eine Faust. Die reckt sich seit Oktober 1969 in den Himmel über dem Platz des 23. April – einer Parkanlage an der Ecke Lindenstraße/Bahnhofstraße. Das gesamte Denkmal, zu dem noch eine Reliefwand gehört, erinnert an die „Opfer der Köpenicker Blutwoche“. Im Juni 1933 hatte die SA mehrere hundert Andersdenkende – Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen – verhaftet, mißhandelt, viele von ihnen ermordet. Ihre Leichen, teilweise in Säcke genäht, wurden noch Wochen danach an die Ufer der Dahme geschwemmt. Weiterlesen

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Hoch die Faust!

aus dem „Bezirksjournal“ vom März 1998:

Ein Freund des Faust-Denkmals an schöner Köpenicker Stelle bin ich auch nicht. Mehrfach habe ich in dieser Zeitung bezeugt, daß die Erinnerung an die Köpenicker Blutwoche nicht überall, wo sie gepflegt wird, die Absicht hat, aus der Geschichte zu lernen. Heldenverehrung nützt nichts. Rituale nützen nichts. Öffentlicher Trommelschlag nützt nichts, auch gedämpfter nicht. Der rituelle Antifaschismus der DDR – da gibt es kein Vertun – war viel öfter Tagespolitik, als er vielleicht selbst wahrgenommen hat. Er hat ja auch nichts geholfen: Die DDR hatte jedenfalls aus der deutschen Nazi-Geschichte wenig gelernt.

Aber daß das alles Gründe wären, das Denkmal Walter Sutkowskis wegzuräumen – das ist ein abwegiger Gedanke. Auch daß das Denkmal künstlerisch schlecht ist, ist kein Grund, es zu entfernen. Geschichte ist Geschichte: Indem man sie abreißt, kommt keine Wahrheit zu Tage. Keine Straßenumbenennungen! Keine Denkmalstürze! Die Kriegerdenkmäler stehen doch auch das, die Mord- und Totschlagsverherrlichungen. Die Faust von Köpenick muß bleiben, die Diskussion muß anhalten.

Was heißt da „anhalten“, andauern? Sie hat ja noch gar nicht begonnen. Da müssen die Parteien des Großen Lauschangriffs die Geschichte noch ein bißchen belauschen. Aber die Ritual-Antifaschisten auch. Und diejenigen, die früher hier Kränze abgeworfen haben. Hoch die Faust, Genossen, Christen, Bürger!

von Diether Huhn

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Zeichen des Widerstands oder Rot-Front-Symbol?

aus dem „ND“ vom 24. Februar 1998:

Streit um Faust-Denkmal der „Köpenicker Blutwoche“

Als weiterhin angemessen stufte die unabhängige Denkmal-Kommission nach der Wende das Mahnmal „Köpenicker Blutwoche“ in der Bahnhof-/Ecke Lindenstraße in Köpenick ein, vor kurzem ist es dennoch in die Kritik geraten. Die einen sehen in dem Denkmal – eine Faust auf einer Säule, dahinter eine Stele mit einem Zitat von Karl Liebknecht auf der Rückseite – ein „kommunistischen Rot-Front-Symbol“, für andere stellt die Faust nicht Widerstand, sondern Gewalt dar. Weiterlesen

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Ann Notowicz (Vorsitzende der IVVdN Köpenick) vor der BVV am 12. Februar 1998

Das Denkmal auf dem Köpenicker Platz des 23. April wurde errichtet zur Erinnerung an die Köpenicker Blutwoche im Juni 1933. Welch eine skandalöse Ignoranz spricht aus der so falschen und irreführenden Bezeichnung im Antrag der SPD: „ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer von Gewalt in der deutschen Geschichte in der Zeit von 1933 bis 1989“. Weiterlesen

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Bleibt die geballte Faust im Park?

aus dem „Lokalanzeiger“ vom 7. Mai 1992:

Die CDU stellte auf der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) den Antrag, das Monument auf dem Platz des 23. April so umzugestalten, daß es seine „eindeutig kommunistische Symbolik“ verliert. Der Kulturausschuss der BVV dagegen möchte nicht übereilen: Die Mitglieder sind für eine weitere Begrünung des Parkes auf dem Platz. Weiterlesen

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Bestrebungen zur Veränderung des Denkmals und des Platzes

1991 gab es einen Antrag der CDU-Fraktion der BVV zur Umgestaltung des Denkmals

„…daß es eine allseitige Würdigung der Opfer von Faschismus, Krieg und Stalinismus und damit seine eindeutig kommunistische Symbolik verliert.“

In der Diskussion der BVV äußerte sich u.a. der Bezirksverordnete und Bildhauer Blümel, SPD: Weiterlesen

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Bericht über einen Besuch Junger Historiker der Johann- und Anton-Schmaus-Oberschule Kiekebuschstraße beim Bildhauer Sutkowski

Nach einer Steinmetzlehre begann W. Sutkowski ein Bildhauerstudium in Berlin. Er wurde Meisterschüler bei Professer Wackerle. In den zur damaligen Zeit berühmten Ateliers in der Prinz-Albrecht-Strasse 8 hatte auch Walter Sutkowski sein eigenes Atelier.

Mit der Machtübernahme durch Hitler wurden diese Ateliers geschlossen und zur Folterhölle der Faschisten umfunktioniert. Hier, wo Kunstwerke entstanden, ertönten fortan die Schreie der Gefolterten. Weiterlesen

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