Nachruf: Hanna Wichmann (1933-2019)

Wieder eine Email von Hanna im Postfach. Kann jemand zur Vorstandssitzung gehen? Wer kann bei unserem Infostand beim Fest für Demokratie dabei sein? Hanna Wichmann und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Köpenick e.V. (VVN-BdA) – das gehört seit Jahrzehnten unweigerlich zusammen und ist fast als Synonym zu verstehen.

Anfang 1990 wurde der Bund der Antifaschisten Köpenick mit fast 200 Mitgliedern gegründet Hanna war eine von ihnen. Zwei Jahre später wurde der BdA Köpenick als gemeinnütziger Verein eingetragen. Im Jahr 2006 kamen die Mitglieder des Interessenverbandes ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener (IVVdN) dazu. Ob es den Verein im südöstlichen Stadtteil Köpenick ohne Hannas Engagement heute so noch geben würde, kann getrost bezweifelt werden. Als langjährige Geschäftsführerin hat sie die Geschicke der Interessenvertretung der Verfolgten und ihrer Hinterbliebenen geleitet. Keinen Geburtstag der Vereinsmitglieder hat sie in all den Jahren vergessen, und immer rechtzeitig die Geburtstagskarten verschickt. Der Austausch mit den Älteren war ihr stets wichtig. Viele waren im antifaschistischen Widerstand aktiv gewesen, hatten Zuchthäuser und Konzentrationslager überlebt, waren Verfolgung und Krieg entronnen. Jahrelang organisierte Hanna die Verlegung von Stolpersteinen im Stadtteil. Die pensionierte Lehrerin half Schüler*innen bei ihren Recherchen zu den Ermordeten. Hanna erklärte einmal: „Wir wollen bei jedem Stolperstein-Projekt junge Menschen beteiligen, damit in keiner Generation das Gedenken an die Naziopfer erlischt.“ Jedes Jahr finden Stadtrundgänge in der Köpenicker Altstadt zu den Novemberpogromen 1938 statt. Am 23. April gedenkt die VVN-BdA der Befreiung Köpenicks durch Soldaten der Roten Armee.

Krieg und Nachkriegszeit hatte Hanna als junges Mädchen selbst miterlebt, als sie am Berliner Stadtrand aufwuchs. Am 19. Juni 1933 geboren, wuchs sie mit den Fliegeralarmen im Luftkrieg um die Reichshauptstadt auf. Den Rotarmist*innen war sie dankbar für ihren Beitrag, der Nazideutschland in die Knie zwang. Sie wurde in der FDJ aktiv und ließ sich zur Lehrkraft ausbilden. Gemeinsam mit ihren Schüler*innen beschäftigte sie sich im Unterricht oft mit Krieg und Verfolgung.

Untrennbar verbunden ist das Engagement von Hanna und „ihrer“ VVN-BdA mit der Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche, die sich im alten Amtsgerichtsgefängnis Köpenick befindet. Akribisch hat Hanna Informationen über die Opfer der nationalsozialistischen Verhaftungswelle gesammelt, die sich im Juni 1933 in Köpenick zu trug und mindestens 23 Todesopfer forderte. Besonders am Herzen lag ihr, das Schicksal von Frauen wie Maria Jankowski und Liddy Kilian in Erinnerung zu behalten und ihr Andenken zu bewahren. Für die Dauerausstellung stand Hanna mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen beratend zur Seite, und so fanden Bilder und Dokumente aus der Sammlung des Vereins Eingang in die Ausstellung. Noch im Juni war sie dabei, als sich Menschen zum jährlichen Gedenken an die „Köpenicker Blutwoche“ an der „Faust“, dem Mahnmal für die Ermordeten, trafen. Ohne den Einsatz von Hanna, ihr Wissen und Engagement gegen das Vergessen, wäre vor allem der jungen Generation, viele Informationen der nationalsozialistischen Verbrechen in Köpenick nicht zugänglich gewesen.

Doch es ging Hanna nicht um einen zahnlosen Antifaschismus. Das Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors hieß für sie auch, sich gegen Neonazismus und rassistisches Gedankengut zu engagieren. Als die NPD, die heute zugunsten der AfD in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist, im Jahr 2000 ihre neue Bundeszentrale in Köpenick bezog, erklärte sie kämpferisch: „Wir werden uns nicht alles gefallen lassen.“ Seitdem war sie bei Protesten gegen die Partei immer wieder dabei und sammelte unermüdlich Unterschriften für ein NPD-Verbotsverfahren. Ihre offene, ja geradezu offensive Art brachte sie mit ein paar jungen Antifaschist*innen aus dem Bezirk zusammen. Ohne Berührungsängste ging Hanna auf die Antifas zu, bot ihre Hilfe an, dabei war sie stets offen für deren Diskurse und Aktionen. Immer hat sie die Nähe zu jungen Antifaschisten*innen gesucht, es geschafft eine Verbindung zwischen alten und jungen Mitgliedern aufzubauen, die bis heute besteht. So war die VVN-BdA Köpenick beim alternativen Kontrollverluste-Festival dabei und unterstützte  Demonstrationen des Antifaschistischen Bündnisses Südost.

Hanna vertrat den Verein aber auch beim bezirklichen Bündnis für Demokratie und Toleranz und bei bundesweiten Treffen. Am Herzen lag ihr auch die antifaschistische Erholungs- und Begegnungsstätte Heideruh, für dessen Erhalt sie sich immer wieder einsetzte.  2011 erhielt Hanna von der Bezirksverordnetenversammlung Treptow-Köpenick für ihr Engagement den Preis für Zivilcourage. Als zur alljährlichen „Köpenickiade“ in Erinnerung an den „Hauptmann von Köpenick“ Friedrich Wilhelm Voigt, der 1906 die Stadtkasse entwendete, vor ein paar Jahren plötzlich das Wachbataillon der Bundeswehr zu Werbezwecken vor dem Rathaus aufmarschierte, war auch Hanna unter den Gegendemonstrant*innen. In den letzten Jahren konnte Hanna nicht mehr so wie sie wollte. Sie hatte viel zu tun. Sie hatte ihre Kinder, Enkel und ihren Uli. Und sie hatte die VVN-BdA. Kaum ein Tag, an dem nicht eine Email an die kommende Vorstandssitzung oder einen Jahrestag zum Gedenken erinnerte.

Es kommen keine Emails mehr von Hanna. Am 25. August 2019 ist Hanna Wichmann im Alter von 86 Jahren in Berlin verstorben. Ihr Wesen und ihr Engagement bleibt unvergessen. Die Erinnerungen werden wir in ihrem Sinne weitertragen. Hanna wir werden dich vermissen!

Der Vorstand

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