Ann Notowicz (Vorsitzende der IVVdN Köpenick) vor der BVV am 12. Februar 1998

Das Denkmal auf dem Köpenicker Platz des 23. April wurde errichtet zur Erinnerung an die Köpenicker Blutwoche im Juni 1933. Welch eine skandalöse Ignoranz spricht aus der so falschen und irreführenden Bezeichnung im Antrag der SPD: „ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer von Gewalt in der deutschen Geschichte in der Zeit von 1933 bis 1989“.

Erinnern wir uns an düstere Zeiten

  • 30. Januar 1933: Hitler kommt an die Macht
  • 31. Januar 1933: Notverordnungen
  • 27. Februar 1933: Reichstagsbrand
  • 28. Februar 1933: Verordnung „zum Schutze von Volk und Staat“
    Ausnahmezustand!

Die Menschenjagd war eröffnet und mit der Köpenicker Blutwoche im Juni 1933 im vollen Gang. An deren Opfer erinnert das Denkmal auf dem Platz des 23. April.

In den Jahren 1933 bis 1945 wurde ein Massenmord vorbereitet, der immer perfekter und schließlich industriell betrieben wurde. Millionen Menschen – Männer, Frauen und Kinder – wurden verfolgt, eingekerkert und ermordet. Es waren Menschen verschiedener Herkunft, Angehörige verschiedener politischer Parteien, Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen, die von den willfährigen Helfern des Naziregimes in den Tod getrieben wurden. Was von ihnen übrig blieb – Goldzähne, Brillen, Haare, Schuhe und Kleidung – wurde in deutschen Betrieben industriell verwertet.

Solch organisierte und industriell betriebene Verbrechen hat es in der Welt vorher und auch nachher nicht gegeben. Es kann nicht verglichen oder gleichgestellt werden.

Ich spreche zu Ihnen als Angehörige der niederländischen Widerstandsbewegung. Es war die deutsche Armee, die das Land überfiel. Unter ihrer Aufsicht und Bewachung wurden die Menschen verschleppt, eingekerkert, gequält, ermordet. Ich selbst wurde von Deutschen verhaftet, in ein niederländisches Gefängnis eingeliefert, wurde von deutschen Frauen bewacht und von Deutschen verhört.

Ich protestiere vehement im Namen meiner niederländischen Kameradinnen und Kameraden gegen eine Geschichtsklitterung wie sie mit dem genannten Antrag der SPD vorgenommen wird.

Ich berufe mich dabei auf das von Bürgermeister Dr. Ulbricht in der Öffentlichkeit gegebene Versprechen, daß der Platz des 23. April nicht angetastet wird, solange er Bürgermeister ist.

Als ich im Jahr 1948 nach Ostberlin zog, versuchte ich mit Hilfe deutscher Antifaschistinnen und Antifaschisten zur Schaffung einer besseren Gesellschaft, einer menschlichen und friedlichen Gesellschaft beizutragen. Ich freute mich bei der Gründung der DDR und setzte mich mit ganzer Kraft für das ersehnte Ziel ein.

Jetzt versuche ich in Dialogen, durch Mitarbeit in Geschichtswerkstätten zu helfen, Fehler und Schwächen, aber auch die positiven Aspekte dieser Zeit zu analysieren.

Dabei wehre ich mich dagegen, alle meine Anstrengungen, alle Bemühungen von Millionen Bürgerinnen und Bürgern der DDR in den Dreck ziehen zu lassen, indem sie in einem Atemzug mit den Verbrechen der Faschisten genannt werden.

Als Vorsitzende der Köpenicker „Interessengemeinschaft ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener“ fordere ich entschieden im Namen meiner Kameradinnen und Kameraden – der Toten und Lebenden – die Denkmäler und Gedenksteine, die in Köpenick nach dem Krieg zum Gedenken an die schrecklichen Geschehnisse in den Jahren 1933-1945 und deren Opfer errichtet wurden, weiterhin zu erhalten und zu pflegen.

Mögen sie uns und den nachfolgenden Generationen weiterhin zum Gedenken, zur Lehre und Mahnung dienen.

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